ARCHIVDIALOGELebensraum Großwohnsiedlungen
Grundlinien der Moderne | Sedimente der Erinnerung
(laufende Arbeit)

Ausgehend vom Foto-Archiv meines Vaters, der in den 1970/80er Jahren als Fotograf die Entstehung der Großwohnsiedlungen in Rostock dokumentiert hat, beschäftige ich mich seit zwei Jahren mit dem Wohnungsbau der DDR. Als großflächiges städtebauliches Erbe eines untergegangenen Landes haben diese Neubaugebiete ihre Präsenz bis in die Gegenwart bewahrt und einen radikalen Imagewandel erfahren: Mich interessieren hier die Kontinuitäten, Ambivalenzen und Wiedersprüche: Wie verhält sich dieser Geist des Aufbruchs, den die Fotografien wiederspiegeln, zum Alltagsleben in der Großwohnsiedlung, wie zu der gesellschaftlichen Transformation der letzten dreißig Jahre? Welche architektonischen, gesellschaftlichen und sozialen Muster und Strukturen lassen sich freilegen, vom gegenwärtigen Standpunkt aus dekonstruieren und damit auch neu oder zumindest anders bewerten? Ich untersuche diese Fragen künstlerisch auf unterschiedliche Weise, hinterfrage gängige gesell-schaftliche Zuschreibungen und setze mich dabei auch mit der Bedeutung von Herkunft und Prägung auseinander. Ich begebe mich dazu in ein Zwiegespräch mit dem Archiv. Das Material macht dabei ein Angebot und weist gleichzeitig auf die ihm inhärente Begrenztheit hin. Es fungiert beim Arbeiten als Assoziationsraum: Auf das Angebot folgt eine Erwiderung, eine Suchbewegung oder eine Gegenfrage, die sich nicht mehr allein an das konkrete Archiv richtet, sondern andere Formen der Zeugenschaft einbezieht. Die Arbeit umfasst aktuell sieben eigenständige Serien unterschiedlichen Umfangs, Materialität und Größe, die sich ergänzen und aufeinander verweisen.
 
Die Arbeit LICHTTISCH markiert das Archivmaterial als Ausgangspunkt und materielle wie visuelle Grundlage der Archivdialoge.

Die PLATTENBAUGESCHICHTEN sind Kombinationen aus Archivbildern und Texten, die das in der Vergangenheit Dokumentierte aus der Gegenwart betrachten und dem Wandel von individueller und gesellschaftlicher Deutung aussetzen.

Die Collagen-Reihe DECONSTRUCTING PLATTENBAU geht dem visionären Kern und der Materialität der Architektur nach, konzentriert sich auf Form und Struktur und setzt sie zu Utopie und Realität gleichermaßen ins Verhältnis.

MUSTERWOHNUNG kombiniert original DDR-Tapeten der 1970er und 1980er Jahre mit den typischen Wohnungsgrundrissen der Neubauviertel, die im gleichen Zeitraum entstanden sind.

REVISITING RITUALS & GESTURES hingegen unterzieht vormals gewöhnliche Rituale, wie Fahnenappelle oder kollektive Arbeitseinsätze, und die mit ihnen verbundenen Gesten, einer aktuellen Revision.

GRUNDLINIEN legt die baulichen Grundstrukturen verschiedener Plattenbausiedlungen frei und überführt sie in grafische Abstraktion.

BECOMING Vom Werden und Wachsen der Wohnkomplexe in Lichtenhagen und Groß Klein zeugen drei 180° bis 360° Panoramen aus den Jahren 1979, 1983 und 2021: Vom freien Feld, zur klar abgezeichneten, architektonischen Form zur Strukturintervention der Natur. Ergänzt werden die großformatigen Panoramen durch eine Videoinstallation.


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