Blick vom Sonnenblumenhaus, Rostock Lichtenhagen (1979): Zwei Jahre später führt die S-Bahnbrücke nicht mehr auf eine Brache, sondern auf den gerade im Entstehen begriffenen Stadtteil Groß Klein. Zu diesem Zeitpunkt bin ich ein Jahr alt. Meine Eltern leben im Haus meiner Großeltern in eineinhalb Dachzimmern, heizen mit Kohle und waschen im Winter die Wäsche mit der Hand, weil die Waschmaschine in der unbeheizten Waschküche auf dem Hof aus Angst vor Frostschäden abgestellt ist. Sie besitzen eine elektrische Wäscheschleuder, die noch bis zur Wende über der Badewanne aufgebaut wird und meine Mutter und später auch mich beim Schleudern durchschüttelt. Für meine Eltern ist die Aussicht auf eine Neubauwohnung in Groß Klein mehr als verheißungsvoll.


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Stadtbaumeister Klotz, Lütten Klein 1975: Ich habe ein altes Kinderbuch wiederentdeckt, das beginnt so: ‚Durch die weiße Stadt Wolkenturm geht ein blauer Sommertag. Es ist ihr erster Sommer, so jung ist sie. Der Stadtbaumeister Klotz hat sie entworfen.‘ Es geht um einen kleinen Jungen, Bertelmann, und seinen Dackel Oskar. Der Dackel jagt eines Tages einem Hasen nach, weit über die Grenzen des Neubaugebietes hinaus, in die angrenzenden Felder bis in den Wald hinein. Den Weg nach Hause muss er dann ganz allein finden: ‚Oskar irrt suchend die Häuserreihen entlang (…) er ist erschöpft vor Kummer und Sehnsucht. Ich habe mich (…) verlaufen‘, sagt er zum Mond, der durch das Flurfenster auf Oskar heruntersieht. Und auch der Mond sitzt betrübt auf dem Hochhausdach und seufzt: ‚Ach, ein Haus sieht wie das andere aus. Kein Dackel findet da nach Haus.‘ Er beschließt, gleich morgen abend mit dem Stadtbaumeister Klotz darüber zu sprechen, damit er Oskars Kummer berücksichtigt, wenn er das nächste Mal eine Stadt entwirft.‘ Ein Kinderbuch, geschrieben für all jene Altersgenoss*innen des kleinen Bertelmann, die in den 1970er und 1980er Jahren in den Neubaugebieten der Republik aufgewachsen sind. Der subtile Einwand gegenüber der nicht zu leugnenden Gleichförmigkeit der Stadtviertel wird vom Mond geäußert, der überirdischen Kraft der Gezeiten, die womöglich die Einsicht der Stadtplaner*innen und Veränderung bewirken kann. Vielleicht ist die Geschichte aber auch nur ein Appell an die kindliche Leserschaft, nicht den Trieben zu folgen, Grenzen einzuhalten und sich mit dem Pfannkuchen zufrieden zu geben (den der Dackel Oskar statt des Hasen nach der Rückkehr vom kleinen Bertelmann bekommt).


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Margarete Ketelhohn, Rostock Lichtenhagen 1978: Diese Kurve führt 1978 direkt in die Petschow-Straße (heute Bützower) und auf die im Hintergrund erkennbare 62. POS ‚Margarete Ketelhohn‘. Wie alle Straßen in Lichtenhagen, wurde auch diese Schule nach der Wende umbenannt, denn auch Margarete war eine SED-Funktionärin. Was mit diesem ‚Label‘ verloren geht: Margarete Ketelhohn (1884-1969) saß zwischen 1920 und 1933 in sechs von sieben Wahlperioden als SPD-Abgeordnete im Landtag des Freistaates Mecklenburg-Schwerin, war ab 1926 Vorsitzende der SPD-Frauengruppe in Rostock und Mitglied des Bezirksvorstandes der Arbeiterwohlfahrt Mecklenburg-Lübeck, nach Kriegsende Mitbegründerin des antifaschistischen Frauenausschusses in Rostock und noch bis zur Zwangsvereinigung von KPD und SPD 1946 in der SPD aktiv. Mit 62 Jahren wurde sie dann Mitglied des Bezirksvorstands der Rostocker SED. - Heute gelangt man auf derselben Straße zur Hundertwasser Gesamtschule.


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Blick auf das Sonnenblumenhaus, Rostock Lichtenhagen 1979: Das dieser halbfertige Rohbau elf Jahre später in einem anderen Land stehen und dreizehn Jahre später zum Schauplatz massivster rassistischer Ausschreitungen werden würde, war 1979 nicht einmal denkbar. Er war eines von drei Hochhäusern, die als Lückenbebauung den bereits 1976 fertig gestellten Stadtteils Lichtenhagen vervollständigten. Die Hausärztin meiner Großeltern hatte in den 1980er Jahren hier ihre Praxis, vietnamesische und kubanische Vertragsarbeiter*innen ihr Wohnheim. Im Sommer 1992 bin ich gerade 14 geworden, die kubanischen Arbeiter*innen sind in ihre Heimat zurück geschickt, die Straßen nicht mehr nach verdienstvollen KPD/SED-Politikern (von denen man die meisten heute nicht mehr im Internet findet), sondern nach norddeutschen Städten benannt und die zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber in Mecklenburg Vorpommern im Sonnenblumenhaus untergebracht. Ich komme immer mit dem Fahrrad daran vorbei, wenn ich meinen Opa besuche, erinnere mich aber nur vage an die vielen Menschen, die auf der Wiese vor der Kaufhalle (die schon ein Spar ist) auf ihre Registrierung warten. Als wir Mitte August aus dem Sommerurlaub zurückkehren, ist die Stimmung bereits aufheizt. Meine Eltern bestehen darauf, mich nachmittags mit dem Auto zu meiner Schulfreundin Ina zu bringen, die ihren Geburtstag feiert. Sie wohnt im Sonnenblumenhaus, es ist der 22. August. Vom Balkon aus beobachten wir zwischen Kuchen und Pommes, wie sich Menschen vor dem Haus sammeln. Ich werde wieder abgeholt, bevor die Pogrome beginnen. Abends dann die Bilder im Fernsehen, - auf der S-Bahnbrücke, von der dieses Foto aufgenommen wurde, ist eine große Menschenmenge zu sehen. Das Publikum und die Versicherung für die Nazis, dass sie im Sinne der Nachbarschaft handeln. Die „Baseballschlägerjahre“ hatten längst begonnen.


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Wochenende, Rostock Groß Klein, 1984: Das Wochenende fing, zumindest für alle Schulkinder, erst Sonnabendmittag an. Bis dahin war Unterricht, maximal vier Stunden. Danach gab es gelegentlich noch Hausbesuche von den Klassenlehrerinnen. Unsere Väter nutzten diese Zeit gern zum Autowaschen auf dem Parkplatz vor dem Haus. In den ersten Jahren nach dem Einzug war an Sonnabenden gelegentlich auch noch ein Subbotnik angesetzt, - also ein unbezahlter, mehr oder weniger freiwilliger Arbeitseinsatz der Hausgemeinschaft, z.B. um Kabelschächte für die Straßenbeleuchtung auszuheben oder Mutterboden für geplante Rasenflächen zu verteilen. Mit sechs Jahren musste ich das Mifa-Klappfahrrad noch nicht selbst putzen, aber durfte samstags (wie ich heute sage) immer länger aufbleiben und „Wetten, dass…?, „Verstehen Sie Spaß?“ oder die „Rudi Carell Show“ mit gucken. Sonntags gab es ein Frühstücksei am Morgen, mittags Fleisch (i.d.R. Kottelet) mit Kartoffeln, Gemüse und Soße (Mehlschwitze) und nachmittags selbst gebackenen Kuchen zum Besuch bei den Großeltern. Abends ging es um acht ins Bett, wobei ich mich noch daran erinnere, wie ich heimlich durch den Türspalt noch das Tatort-Intro sehe und Angst bekomme…


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